16.08.2023 – Kategorie: Digitale Gesundheitslösungen

Long Covid: Neue App als Gamechanger für Betroffene

Die Erkrankung gilt bisher als aufwendig zu diagnostizieren und schwer behandelbar. Hoffnung für die Versorgung macht die Long-Covid-App der Datenbank Health4Future.

Long was?

Wie viele Menschen nach einer akuten Covid-19 Erkrankung tatsächlich anhaltende Spätfolgen entwickeln, ist in Medizin und Forschung bis heute nicht abschließend geklärt. Derzeit geht man allein in Deutschland von mindestens einer Million Betroffenen aus. Da jedoch weder die Akuterkrankungen noch die Long Covid Betroffenen zentral erfasst werden, insbesondere seit Wegfall der Coronabeschränkungen, dürfte die Dunkelziffer deutlich höher liegen.

Noch schlechter steht es um die fachgerechte Versorgung dieser Patienten: Nur wenige Krankenhäuser konnten sich auf das neue Krankheitsbild spezialisieren. Zudem liegen diese beinahe ausschließlich in urbanen Ballungszentren. Die Long Covid Ambulanzen sind überlaufen, die Reha-Einrichtungen auf lange Zeit ausgebucht. Und zu allem Überfluss stellen sich nicht nur Long Covid Betroffene in diesen Häusern vor, sondern auch Menschen, die zwar Long Covid ähnliche Symptome aufweisen, jedoch bei dezidierter Anamnese aufgrund eines anderen Auslösers erkrankten und somit die wenigen Ressourcen binden.

Die Crux liegt also nicht nur in der Masse der potenziellen Patienten, sondern vor allem in den fehlenden Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten. Ein Jungunternehmen aus dem Münchener Süden hat sich bereits 2021 dieses Problems angenommen und eine digitale Datenplattform geschaffen. Diese kann nach nunmehr eineinhalb Jahren Forschung innerhalb weniger Minuten eine Diagnoseempfehlung aussprechen kann. 

Health4Future – Fighting Long Covid

Die Idee hinter dem Konzept ist grundsätzlich sehr einfach: Autoidentifizierte Betroffene, also Menschen, die glauben an Long Covid erkrankt zu sein, geben in einem Fragebogen ihre bis heute bestehenden Symptome inklusive Schweregrad an. Weiterhin werden Vorerkrankungen, der Verlauf der Covid-19 Erkrankung, die Impfhistorie, sowie ein kurzes psycho-soziales Profil erfasst. Das Konzept basiert also auf schlichtem Zählen. Wesentlich komplexer ist jedoch die völlig neue Herangehensweise: Erstmalig werden medizinische Daten in dieser Masse und Komplexität von Betroffenen abgefragt und zur Ursachenforschung verwendet, sowie sechsmonatlich aktualisiert, um Verläufe abbilden zu können. Hierfür wurde ein interdisziplinäres Team aus Medizinern, Epidemiologen, Mathematikern, Statistikern, Soziologen, Historikern, Kunsthistorikern und Wirtschaftswissenschaftlern zusammengestellt, die die Analyse und Interpretation der Fragebögen vornehmen. Das gesamte Team arbeitet seit Anbeginn bis heute ehrenamtlich.

Die Betroffenen können neben ihrem Fragebogen zusätzlich sämtliche Befunde, die bereits von Ärzten gestellt wurden, auf der Plattform hochladen (www.health4future.com). Dies ermöglicht nicht nur die dezidierte Ursachenforschung, sondern macht Health4Future bereits heute zur digitalen Patientenakte, auf die der Patient und der behandelnde Arzt Zugriff haben. Die Datenanalyse selbst erfolgt ausschließlich auf Basis anonymisierter Daten, um den höchstmöglichen Schutz der Patienten zu gewährleisten. 

Ein Algorithmus als Long Covid Test

Bis heute haben über 12.000 Betroffene das Angebot der Health4Future genutzt, weshalb nun ein Algorithmus, der wie ein Long Covid Test fungiert, innerhalb kürzester Zeit eine Diagnoseempfehlung abgeben kann: Gesicherte Long Covid Erkrankung, Verdacht auf Long Covid, oder aber, kein Long Covid, können so innerhalb weniger Stunden festgestellt werden.

Dies ist ein regelrechter Durchbruch in der Long Covid Therapie: Patienten wissen schnell und unkompliziert, ob ihre Symptome tatsächlich dem neuen Krankheitsbild zuzuordnen sind. Auf Basis der Empfehlung, sowie des einsehbaren Fragebogens, können Kollegen der Ärzteschaft, zeit- und kostensparend, die endgültige Diagnose stellen und sodann in die Therapie übergehen. Sofern kein Long Covid vorliegt, werden hier weitere Daten erhoben, um auch diesen Patienten eine Ursache und möglicherweise Therapieempfehlungen liefern zu können.

Was tun mit den sicher Long Covid Erkrankten?

Und dennoch bleibt die Not: Wie behandelt man adäquat eine so große Anzahl von jungen, eigentlich aktiven, nun aber chronisch Erkrankten? Ein schlichtes Abschieben in die wenigen auf Long Covid spezialisierten Anlaufstellen scheint nicht nur wenig zielführend, sondern den überarbeiteten und überforderten Kollegen gegenüber äußerst unkollegial.

Die Patienten sich selbst zu überlassen ist ausgeschlossen. Viele sind aus einem gesunden Leben, nun in ein „neues Normal“ mit eingeschränktem Energielevel und tagtäglicher Überforderung und teils schwerwiegenden körperlichen Symptomen gerutscht. Auch hier scheint die Digitalisierung der Medizin ein wichtiges Tool bereit zu halten: So wurde auf Basis der neusten medizinischen Erkenntnisse, sowie auf Basis des durch die Datenanalyse gewonnenen Wissen zu den Bedürfnissen der Betroffenen, neben dem Long Covid Test, auch eine Long Covid App von Health4Future entwickelt.

Helping Heroes als Hilfe für Betroffene

„Helping Heroes“ wird ab Ende des Jahres Betroffenen als iOS und Android Version in allen gängigen Stores zum Download zur Verfügung stehen. Basierend auf der Idee des Pacings, werden Patienten an ihr neues Energielevel herangeführt, sowie als erhebliche Erweiterung der klassischen Herangehensweise, weitere Symptomlinderungsmaßnahmen und Trackingfunktionen zur Verfügung gestellt. Alle eingegebenen Daten, werden – selbstverständlich anonymisiert – statistisch und medizinisch ausgewertet, um dem Patienten individualisierte Handlungsempfehlungen zur Verfügung zu stellen. Jedoch auch, um die weitere Forschung an Long Covid und dessen Auswirkungen zu ermöglichen.

Der Mediziner erhält so einen Langzeitüberblick über die Entwicklung seines Patienten, der die weitere Behandlung der Symptome nachhaltig beeinflusst. Zudem schließen die Behandelnden sich untereinander kurz. Neue Erkenntnisse und Ergebnisse, welche über die Long Covid App erhoben wurden, werden auf der Plattform zur Verfügung gestellt, sodass funktionierende Therapieansätze sofort kommuniziert und umgesetzt werden können.

Health4Future bildet also die essentielle Schnittstelle für die Nachwehen dieser Pandemie: Die Medizin wird in die Digitalisierung überführt, die Patienten profitieren von der Erreichbarkeit und die Forschung wird umfassend und flächendeckend zum Wohle aller Betroffener ermöglicht.

Dr. Andreas Durstewitz

Der Autor: Dr. med. Andreas Durstewitz ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Lehrbeauftragter der LMU. Er fungiert als Geschäftsführender Vorstand des Ärztl. Kreis- u. Bezirksverbandes München (ÄKBV), ist Delegierter im Hausärzteverband Bayern (BHÄV), Mitglied in der Vorstandskommission der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) und Mitglied der Bayer. Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen e. V. 


Teilen Sie die Meldung „Long Covid: Neue App als Gamechanger für Betroffene“ mit Ihren Kontakten:

Zugehörige Themen:


Scroll to Top